Chronik
Das Haus auf der Straußengasse 18 war viele Jahrzehnte im Besitz der Familie Kotykiewicz. Dort war ihr Lebensmittelpunkt. Da das Haus auch an der Margaretenstraße liegt, Hintereingang, lautete die Postanschrift auch Margaretenstraße 63. Bis zum Jahre 1884 war es die Hausnummer 61. In den oberen Etagen befanden sich die Wohnräume, im unteren Bereich die Werkstatt und der Ausstellungsraum, in denen die fertigen Instrumente präsentiert wurden.
Gegründet wurde der Betrieb indirekt durch die Werkstatt des Instrumentenbauers Jacob Deutschmann, der die von Anton Haeckl entwickelte Physharmonika verbesserte. Dessen Schüler Peter Titz übernahm 1852/53 die Werkstatt und begann mit der eigenständigen Produktion von Orgeln und Harmonien. Nach dem Tod von Titz führte seine Witwe den Betrieb weiter, bevor 1878 Teofil Kotykiewicz die Firma übernahm. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Unternehmen zu einem der größten Harmoniumhersteller in Österreich-Ungarn. Die Instrumente wurden kontinuierlich technisch verbessert und fanden auch international Absatz. Zu den Innovationen gehörten Mechanismen wie das „Prolongement", welches ein Nachklingen einzelner Töne ermöglichte, sowie Perkussionseffekte durch kleine Hämmerchen.
Die Produktpalette reichte von einfachen Schulharmonien bis hin zu komplexen Instrumenten mit mehreren Manualen und Pedal. Besonders hervorzuheben ist die frühe Umsetzung der von Paul von Jankó entwickelten Klaviatur. Ein solches Instrument ist heute im Technischen Museum Wien erhalten. Neben Musikinstrumenten entwickelte die Firma auch technische Geräte, etwa zur Messung von Kamera-Verschlusszeiten. Nach dem Tod von Teofil Kotykiewicz führte sein Sohn die Firma weiter, die sowohl den Ersten Weltkrieg als auch die Zwischenkriegszeit überstand und weiterhin erfolgreich exportierte.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Harmonium zunehmend an Bedeutung. Die Firma bestand zwar noch einige Zeit, doch nach dem Tod des jüngeren Kotykiewicz Anfang der 1970er Jahre verschwand sie aus dem Wirtschaftsleben. Teile des Nachlasses wurden dem Technischen Museum Wien übergeben und später digitalisiert, wodurch die Geschichte dieses traditionsreichen Wiener Unternehmens bis heute nachvollziehbar bleibt.

