Chronik
Eigentlich führte Josef Lang ein Kaffeehaus. Im Jahr 1900 jedoch wurde er Scharfrichter in Wien: Seine Kunstfertigkeit machte ihn zum angesehenen Bürger – ein höchst ungewöhnliches Schicksal, denn Scharfrichter waren jahrhundertelang Außenseiter, die man mied und die oft außerhalb der Stadt leben mussten. Josef Lang, genannt Pepi, wurde am 11. März 1855 in Simmering bei Wien als Sohn eines Eisenhändlers geboren. Nach der Schule machte er eine Tischlerlehre, kämpfte 1878 für die k.u.k. Monarchie in Bosnien, arbeitete als Heizer und eröffnete schließlich in seiner Heimat ein Kaffeehaus. Der große, athletische Mann war in der Nachbarschaft für seine Festlieder bekannt und löschte als Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Brände.
Zahlreiche Stammgäste tranken ihren Kaffee bei Pepi – auch der Wiener Henker. Als dieser eines Tages Ersatz für einen ausgefallenen Gehilfen suchte, sprang der Kaffeesieder kurzerhand ein, mit unabsehbaren Folgen: Als der Scharfrichter 1899 verstarb, überzeugte keiner der 18 Bewerber die Obrigkeit, und die Polizeibehörde fragte Josef Lang. Geschmeichelt gab dieser sein Kaffeehaus auf, wurde Staatsbeamter und trat am 27. Februar 1900 seinen Dienst an. Lang sah seine Aufgabe offenbar darin, die Delinquenten möglichst schnell und ohne unnötige Qual zu erhängen – keine seiner Vollstreckungen habe länger als 65 Sekunden gedauert, verkündete er. Sein Ruf war so groß, dass sogar ein Abgesandter aus dem amerikanischen Kentucky nach Wien reiste, um ihn abzuwerben – vergeblich, denn Lang war längst ein geachteter Bürger Wiens, dem laut Biograf Oskar Schalk „auf Schritt und Tritt" Frauen und Mädchen begegneten.
Lang war nicht nur für Wien zuständig, sondern für weite Teile des damaligen Österreichs, darunter Salzburg, Krain, Triest und Istrien, und vollstreckte insgesamt 39 Todesurteile – meist an Mördern, im Ersten Weltkrieg aber auch an Personen, die des Hochverrats beschuldigt wurden. Sein bekanntester Fall war der frühere Reichsratsabgeordnete Cesare Battisti, der im Krieg auf italienischer Seite gekämpft hatte und in Gefangenschaft geraten war; das Foto seiner Hinrichtung, das einen triumphierenden Josef Lang zeigt, ging um die Welt. Als Lang 1925 starb, erwiesen ihm Tausende Menschen die letzte Ehre. In den 1930er-Jahren führte sein Neffe Johann das Scharfrichter-Erbe fort; die letzte Hinrichtung in Österreich fand 1950 statt, endgültig abgeschafft wurde die Todesstrafe erst 18 Jahre danach.
Quelle: www.geo.de.

