Chronik

Die Wiener Porzellanmanufaktur, offiziell Kaiserlich privilegierte Porcellain Fabrique, war eine der bedeutendsten Kunstmanufakturen des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie wurde 1718 gegründet und bestand bis 1864. Nach der 1710 entstandenen Meißener Porzellanmanufaktur war sie die zweitälteste Porzellanmanufaktur Europas. Gegründet wurde sie vom kaiserlichen Agenten Claudius Innocentius du Paquier, dem es gelang, das streng gehütete Herstellungsgeheimnis des europäischen Hartporzellans zu erlangen. Mit Hilfe diplomatischer Kontakte konnte er mehrere Fachleute aus Meißen nach Wien holen, darunter den Arkanisten Samuel Stöltzel, der die Rezeptur der Porzellanmasse beherrschte. Die Produktion begann zunächst in der Rossau im heutigen Bezirk Alsergrund. Am 27. Mai 1718 erhielt du Paquier von Karl VI. ein Privileg, das der Manufaktur für 25 Jahre ein Monopol auf die Porzellanherstellung in den habsburgischen Ländern gewährte. Die frühen Wiener Porzellane orientierten sich stark an ostasiatischen Vorbildern sowie an Formen der Gold- und Silberschmiedekunst; wegen fehlender Kaolinlager besaßen sie meist eine leicht cremefarbene Glasur.

Die wirtschaftliche Situation der privaten Manufaktur blieb schwierig, schließlich wurde sie 1744 unter Maria Theresia verstaatlicht. Von nun an firmierte sie als kaiserliche Porzellanmanufaktur, als Markenzeichen führte man den blauen österreichischen Bindenschild ein. In der sogenannten „plastischen Periode" erreichte die Manufaktur ihre künstlerische Blüte, besonders beliebt waren Rokoko-Figuren und kunstvolle Plastiken des Bildhauers Johann Joseph Niedermayer.

Unter dem Direktor Conrad Sörgel von Sorgenthal begann ab 1784 eine neue Phase: Die Formen wurden schlichter und orientierten sich am Klassizismus, gerade Linien, dezente Ornamente und elegante Farbdekore prägten das sogenannte Sorgenthal-Porzellan. Der Maler Josef Leithner entwickelte um 1795 ein besonders intensives Kobaltblau, das als „Leithners Blau" bekannt wurde und als eine der schönsten Porzellanfarben galt. Nach dem Wiener Kongress 1814/15 erlebte Wien einen gesellschaftlichen Aufschwung, wodurch auch die Nachfrage nach Luxusporzellan stark anstieg – hochwertige Service und kunstvoll bemalte Tassen wurden häufig als diplomatische Geschenke verwendet.

Im 19. Jahrhundert geriet die Manufaktur zunehmend unter Druck der Industrialisierung, die eine billigere Massenproduktion vor allem in Böhmen ermöglichte. Trotz ihres hohen künstlerischen Niveaus konnte die Wiener Manufaktur wirtschaftlich nicht mithalten, 1864 wurde der Betrieb schließlich geschlossen. Die Entwurfszeichnungen gelangten später in das Museum für angewandte Kunst Wien, die Tradition lebt bis heute in der 1923 gegründeten Porzellanmanufaktur Augarten weiter.

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