Chronik
Die Floridsdorfer Lokomotivfabrik prägte über Jahrzehnte die Industriegeschichte Wiens. Ihre Wurzeln reichen in das Jahr 1869 zurück, als die von der Familie Rothschild und dem Wiener Bankverein initiierte Wiener Lokomotiv-Fabriks-Actien-Gesellschaft ihre Konzession erhielt. Nach der Gründung entstand 1870/71 auf einem Gelände zwischen Nordbahn und Nordwestbahn eine moderne Fabriksanlage nach Plänen von Bernhard Demmer, auch Wohnraum für die Beschäftigten wurde geschaffen: Sieben Arbeiterhäuser boten insgesamt 117 Wohnungen. Noch vor der vollständigen Fertigstellung begann die Produktion, am 10. Juni 1871 wurde mit der Humboldt die erste Lokomotive an die Österreichische Nordwestbahn ausgeliefert. Die wirtschaftliche Entwicklung verlief jedoch nicht immer gleichmäßig, besonders der Börsenkrach von 1873 führte zu einem starken Rückgang der Bestellungen, je nach Auftragslage beschäftigte das Werk weniger als 1.000 oder bis zu rund 1.500 Arbeiter.
Mit technischen Neuerungen reagierte das Unternehmen auf die Anforderungen des Eisenbahnwesens: Ab 1881 entstanden Zahnradlokomotiven, ab 1911 auch elektrische Lokomotiven. Nach dem Ersten Weltkrieg zwang der Verlust zahlreicher Absatzmärkte die Fabrik zur Neuorientierung, neben der Instandsetzung von Dampflokomotiven wurden Straßenwalzen, Kesselanlagen und Industrieanlagen hergestellt. Besondere Bekanntheit erlangte das Werk 1929 mit der Reihe 214, die damals zu den leistungsstärksten Dampflokomotiven Europas zählte. Der Zweite Weltkrieg brachte schwere Schäden durch Luftangriffe, nach Kriegsende wurden große Teile der Maschinen und Materialien in die Sowjetunion abtransportiert – dennoch gelang bereits im Oktober 1945 der Bau einer neuen Dampflokomotive aus vorhandenen Bauteilen.
Nach 1955 konzentrierte sich die Produktion zunehmend auf Diesellokomotiven für Österreich und das Ausland, 1958 wurde die Eingliederung in die SGP beschlossen, womit die Fabrik ihre Selbstständigkeit verlor. Sinkende Aufträge führten schließlich zum endgültigen Ende: Am 19. September 1969 verließ mit der Elektrolokomotive 1042.540 das letzte von insgesamt 6.043 in Floridsdorf gefertigten Triebfahrzeugen das Werk. Heute erinnert kaum noch etwas an die einst bedeutende Fabrik, das Gelände wurde vollständig umgestaltet und wird unter anderem vom Shopping-Center Nord genutzt, nur Namen wie die Lokomotivgasse und die frühere Straßenbahnhaltestelle Lokfabrik bewahren die Erinnerung an dieses wichtige Kapitel der Wiener Industriegeschichte.

