Chronik
In Gaudenzdorf entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Brauerei, die weit über die Gemeinde hinaus Bedeutung gewann. Joseph und Elisabeth Gierster ließen das Gebäude im Stil eines sommerlichen Landsitzes errichten; 1818 nahm der Betrieb seinen Anfang.
Das Brauhaus war nicht nur Produktionsstätte. Zu den Anlagen gehörten Tanzsäle, ein großer Garten und zeitweise sogar ein kleines Theater. Aufgeführt wurden unter anderem Possen und Schauerstücke. Die Lage außerhalb des Linienwalls brachte einen zusätzlichen Vorteil: Da hier die Verzehrungssteuer nicht anfiel, konnten Speisen und Getränke vergleichsweise günstig angeboten werden.
Über Jahrzehnte war das Brauhaus eng mit der Familie Gierster verbunden. Joseph Gierster senior erwarb später auch das Oberdöblinger Brauhaus. Sein Sohn Joseph Leopold wurde zu einer prägenden Persönlichkeit Gaudenzdorfs. Während der Revolution von 1848 war er in der Nationalgarde tätig; 1850 wurde er Bürgermeister. Nach seinem Tod 1863 übernahm sein Sohn August den Betrieb, starb jedoch bereits zwei Jahre später.
1866 begann mit dem Erwerb durch die Brüder Anton und Friedrich Holitscher eine neue Phase. Drei Jahre später verkauften sie die Liegenschaft an die Aktiengesellschaft der vereinigten Fabriken in Gaudenzdorf. Neben der Brauerei entstanden dort eine Ölfabrik und eine neue Mälzerei. 1870 wurde mit mehr als 50.000 Hektolitern die höchste genannte Jahresproduktion erreicht.
1872 endete der Braubetrieb nach dem Verkauf an die Neue Wiener Omnibus-Gesellschaft. Die Gebäude dienten als Stallungen und Wagenremisen. Die Gastwirtschaft mit Gartensalon bestand noch einige Zeit weiter. 1903 mussten die meisten ehemaligen Brauereigebäude dem Bau des Gaudenzdorfer Gürtels weichen. Das Brauhaus steht damit für den Wandel Gaudenzdorfs vom Vorort mit Ausflugs- und Vergnügungsstätten als Teil der Großstadt.

