Chronik
Das Gaswerk Leopoldau war neben dem Gaswerk Simmering einer der wichtigsten Standorte für die Erzeugung von Stadtgas in Wien. Seine Entstehung steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel der Stadt, die Versorgung der Bevölkerung stärker selbst zu kontrollieren: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Teile Wiens noch von privaten Unternehmen mit Gas beliefert, der Wiener Gemeinderat beschloss daher 1906, die Versorgung der Außenbezirke künftig in städtische Verantwortung zu übernehmen. Die Bauarbeiten begannen 1909 mit dem ersten Spatenstich, im November 1911 nahm das Werk seinen regulären Betrieb auf und entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Bestandteil der Wiener Energieversorgung. Das erzeugte Stadtgas wurde aus Kohle gewonnen, die in großen Kammeröfen unter weitgehendem Luftabschluss erhitzt und dadurch entgast wurde, das entstehende Rohgas musste anschließend aufwendig gereinigt werden.
Neben dem eigentlichen Stadtgas entstanden zahlreiche Nebenprodukte wie Teer, Ammoniakwasser und Waschöl, die zunächst oft als problematischer Abfall galten, deren wirtschaftlichen Wert man aber mit der Entwicklung der chemischen Industrie später erkannte. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Anlage technisch weiterentwickelt: Ab 1943 wurde dem Gas erstmals Erdgas beigemischt, seit den späten 1950er-Jahren beschäftigte man sich mit der Verringerung des giftigen Kohlenmonoxydanteils, die dauerhafte Entgiftung des Stadtgases wurde in den 1960er-Jahren umgesetzt. Am 28. August 1969 wurde der letzte für die Gaserzeugung verwendete Kammerofen stillgelegt.
Während seiner langen Betriebszeit verarbeitete das Werk ungefähr 15 Millionen Tonnen Kohle und erzeugte mehr als fünf Milliarden Kubikmeter Stadtgas, hinterließ dabei aber auch deutliche Spuren in der Umwelt – Teer, Öl und andere Stoffe gelangten durch Betriebsabläufe, Unfälle und Kriegsschäden in Boden und Grundwasser, das Gelände wurde als Altlast eingestuft. Heute wird das frühere Industrieareal auf unterschiedliche Weise genutzt: Auf einem Teil entstand das Gas- und Dampfkraftwerk Leopoldau, ein weiterer Bereich wird von den Wiener Linien verwendet, seit 2018 entwickelt sich außerdem das Wohngebiet Neu Leopoldau, in das mehrere denkmalgeschützte historische Wohn-, Verwaltungs- und Lagergebäude integriert wurden.

