Chronik
Die Anfänge der Besiedlung des „Unteren Werd" – mittelhochdeutsch „werd" für Insel – sind auf die Zeit um 1300 zu datieren. Aus dem Jahr 1368 stammt die Erwähnung einer Brücke dorthin, bis 1782 die einzige. Im 15. Jahrhundert erwarb die Stadt Wien hier Grundbesitz. Die Siedlung entstand im Auengebiet, das zuvor als Weideland diente, unter anderem für aus Ungarn importierte Rinder – um 1500 wurden pro Jahr 50.000 Tiere nach Österreich getrieben. 1439 wurde beim heutigen Gaußplatz die erste mehrteilige Jochbrücke über die Donau errichtet; 1529 wurden die Brücken während der Ersten Wiener Türkenbelagerung zerstört und der Untere Werd von der osmanischen Armee besetzt.
Ab 1569 erlaubte Kaiser Maximilian II. seinen Holzarbeitern und Jagdaufsehern, sich im Unteren Werd anzusiedeln – daraus entwickelte sich die Vorstadt Jägerzeile. 1614 gründeten die nach Wien berufenen Barmherzigen Brüder ihr Kloster mit angeschlossenem Ordensspital, das bis heute besteht und als ältestes Krankenhaus der Stadt gilt; 1621 siedelten sich die Karmeliter an, deren Kirche St. Josef und Theresia 1623–1627 erbaut wurde.
1624 verbannte Kaiser Ferdinand II. die jüdischen Wiener aus der Stadt und wies ihnen den Unteren Werd als Wohngebiet zu – 1626 vertraglich verankert als das Areal „Auf der baumlosen Haide" zwischen Kleiner Pfarrgasse, Großer Schiffgasse, Krummbaumgasse, Karmelitergasse und Taborstraße. Einige Häuser aus jener Zeit bestehen bis heute, etwa das Pabsthaus in der Haidgasse 6. 1669/70 wurden die Juden auch von hier vertrieben; viele fanden im Gebiet des heutigen Burgenlandes Aufnahme. 1670 legte Kaiser Leopold I. den Grundstein für eine 1671 dem Heiligen Leopold geweihte Kirche, nachdem die dort erst kurz zuvor errichtete Synagoge niedergebrannt worden war. Seit dieser Zeit wird der Untere Werd nach dem Kaiser „Leopoldstadt" genannt – ein Name, der 1850 auf den ganzen Bezirk überging.
1679 herrschte eine verheerende Pestepidemie, 1683 wurde die Leopoldstadt bei der Zweiten Wiener Türkenbelagerung verwüstet und in den folgenden Jahren wieder aufgebaut. Allen Repressionen bis zur NS-Zeit zum Trotz kehrten Juden immer wieder in diesen für Handel, Gewerbe und Bildung lagegünstigen Stadtbereich zurück: Der Spitzname „Mazzesinsel" leitet sich von den zahlreichen Matze-Bäckern ab, die zur Zeit der jüdischen Feste das ungesäuerte Brot herstellten. Bis zum Holocaust machte die jüdische Bevölkerung einen beträchtlichen Teil der Einwohner des 2. Bezirks aus. Die Grenzziehung durch das Karmeliterkloster ist heute noch anhand eines kurzen historischen Mauerteils zwischen Karmelitergasse und Tandelmarktgasse sichtbar.

