Chronik

Adelheid-Popp-Park, 1170 Wien Dauer 06:55
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Panoptikum – das Wirtschafts- und Geschichtsmagazin für Wien. Jeden Monat ein neuer Bezirk, jede Ausgabe eine neue Geschichte. Heute: das Hernalser Brauhaus.

Hernals, 1839. Noch ein eigener Vorort vor den Toren Wiens, Felder so weit das Auge reicht. Auf den Gründen des „Gülden Spitzacker" errichtet der Schwechater Braumeister Rudolf Müllner eine kleine, handwerkliche Brauerei – gedacht nur für den Durst der Nachbarschaft. Erst führt sie Josef Lenz weiter, dann sein Sohn Albert. 1878 verpachten die Lenz an die Familie Kuffner – und niemand ahnt, dass daraus einmal eines der größten Brauhäuser Wiens werden wird.

Unter den Kuffners wächst das Brauhaus zur Fabrik heran. Ab 1888 ersetzen Dampfmaschinen die Handarbeit, eine Kühlanlage nach dem Prinzip Carl von Lindes hält Gär- und Lagerkeller auf konstanter Temperatur. 1892 kommt eine neue Malzdarre dazu, 1896 zwei weitere Lagerkeller. Auf dem Grundstück in der Frauengasse entsteht ein Gastgarten mit Saal, zwölftausend Quadratmeter groß – Platz für tausende Wiener, die dort ihren Feierabend verbringen.

Man erzählte sich noch lange von diesem Garten. Schon 1863, hieß es, habe dort ein junger, völlig unbekannter Sänger seinen allerersten Auftritt gehabt – Edmund Guschelbauer, genau hier im Hernalser Brauhaus begann seine Karriere. Jahrzehnte später sollte er sein Lied vom „alten Drahrer" mehrere tausend Mal singen, in ganz Wien. Ursprünglich, erzählte man sich, habe „Drahrer" bloß einen Werkelmann gemeint, einen Leierkastenspieler. Guschelbauer aber drehte dem Wort die Bedeutung um: ein Lebemann, der die Nacht zum Tag macht. Bis heute ist das Wort im Wienerischen erhalten – geboren, so sagt man im Grätzel, in diesem Garten.

Die Kuffners waren keine gewöhnliche Familie. Schon 1850 hatten ihre Verwandten Ignaz und Jakob Kuffner in Ottakring eine kleine Brauerei gekauft und binnen weniger Jahre zu einer der größten Wiens ausgebaut. Für ihre Arbeiter richteten sie eine eigene Betriebsküche ein und unterstützten einen Arbeiterbildungsverein – ungewöhnlich fortschrittlich für die Zeit. Ignaz Kuffner wurde später sogar Bürgermeister von Ottakring.

Von jenem Sommer 1897 sprach man noch Jahre später im ganzen Grätzel. Die Stadt selbst hatte kaum genug Wasser für sich – und ausgerechnet das Brauhaus, hieß es, habe viermal so viel Hochquellwasser genommen, wie vereinbart war. Da drehte die Stadt kurzerhand das Wasser ganz ab, mitten im Betrieb, fünfzigtausend Gulden Strafe obendrauf. Ein Aufschrei ging durch die Wirtshäuser der Umgebung. Aber aufgeben? Das kam nicht infrage. Man erzählte sich, wie sie sich noch im selben Jahr einen eigenen Brunnen bohrten, zweihundert Meter tief, mitten durch den Wiener Boden.

Der Brunnen rettet den Betrieb, doch der Erfolg bleibt zerbrechlich. Adolf Kuffner stirbt 1903 kinderlos. Er hinterlässt ein Vermögen von umgerechnet über neun Millionen Euro. Die Führung geht an Ludwig Kuffner über. 1914 arbeiten hundert Menschen im Brauhaus – doch der Bierabsatz sinkt von Jahr zu Jahr.

Von einem anderen Kuffner erzählte man sich ganz andere Geschichten: Moritz Kuffner, der die Ottakringer Brauerei leitete – ein Verwandter der Hernalser Familie. Er schloss dort den allerersten Kollektivvertrag ab, den es in einer österreichischen Brauerei je gab. Doch das war ihm nicht genug: Er sammelte Bilder von Albrecht Dürer, finanzierte eine eigene Sternwarte in Wien, und war nebenbei auch noch Bergsteiger – mit Erstbesteigungen in den Alpen, die bis heute seinen Namen tragen.

Doch schon 1911 schlug ihm, weil er Jude war, offener Hass entgegen: ein organisierter Boykott gegen sein Bier. 1938, nach dem sogenannten „Anschluss", musste Moritz Kuffner seine Unternehmen verkaufen und seine Kunstsammlung für die „Reichsfluchtsteuer" zurücklassen. Er floh in die Schweiz und starb dort 1939 – die meisten seiner Verwandten wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Ludwig Kuffner vom Hernalser Brauhaus war da schon ein Jahr zuvor gestorben und entging so, anders als sein Verwandter, der Vertreibung und Verfolgung.

1924, erzählte man sich, habe die Brauerei sogar für kurze Zeit stillgestanden – zu wenig Bier, zu wenig Nachfrage. Und dann, 1933, übernahmen die großen Vereinigten Brauereien fast alles, wie es hieß. 1936 schließlich wurde der Betrieb endgültig eingestellt – nach fast hundert Jahren.

1938 werden die Gebäude in der Frauengasse demoliert, nach 1950 auch der Rest in der Ortliebgasse. Bis 1969 dient das Grundstück als Baustofflagerplatz, dann wird es Sportplatz eines Gymnasiums. Als die Stadt hier 2005 eine Tiefgarage und den heutigen Park baute, stießen die Archäologen buchstäblich auf die alten Fundamente der Brauerei – und auf Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, tief unter der Erde.

Im Grätzel erinnert man sich bis heute – 2007 zeigte sogar das Bezirksmuseum eine eigene Ausstellung mit alten Fotos, Bierdeckeln und Flaschen aus dem Brauhaus. Und der Park, der heute hier liegt, trägt den Namen von Adelheid Popp – einer Arbeitertochter, die selbst ab ihrem zehnten Lebensjahr schuften musste und später zur großen Vorkämpferin für die Rechte der Arbeiterinnen wurde. Wo einst hundert Menschen im Bierdunst schufteten, spielen heute Kinder im Park einer Frau, die für genau solche Menschen gekämpft hat.

Das war ein Blick in die Wiener Geschichte von Panoptikum – dem Wirtschafts- und Geschichtsmagazin für Wien. Doch die Stadt hat noch unzählige weitere Geschichten zu erzählen: von vergessenen Manufakturen, kühnen Pionieren und legendären Betrieben. Alle Folgen und spannende Chroniken zum Nachlesen finden Sie auf panoptikum.wien. Tauchen Sie ein und hören Sie weiter – vielen Dank fürs Dabeisein.

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